Diakonie-Beauftragte der SELK: Jahrestagung in Berlin 5735 Diakonietagung Berlin

In Berlin endete am 3. November 2019 die jährliche Herbsttagung der Diakonie-Beauftragten der Kirchenbezirke der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) mit Diakoniedirektorin Barbara Hauschild (Dortmund). Teilnehmener aus neun Kirchenbezirken waren zu Austausch, Kontaktpflege und thematischer Arbeit im Gästehaus Lazarus der Von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Berlin Mitte zusammen gekommen.

Als Referentin konnte Dr. Gudrun Schätzel (Hannover) gewonnen werden. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie brachte Impulse und praktische Übungen zum Thema "Selbstfürsorge: Chancen, Risiken und Nebenwirkungen" mit, die auch über die Themenarbeit hinaus gerne von den Teilnehmenden aufgenommen wurden.

Ein wesentlicher Bestandteil der Herbsttagung ist der Austausch der Beauftragten untereinander – sowohl als fester Tagesordnungspunkt als auch nebenbei im lockeren Gespräch, was neben sachlichen Informationen viel Ermutigung, Schwung und auch mal Trost für den eigenen Einsatz bringt.
Den Auftakt zu den jährlichen Berichten aus den Kirchenbezirken bildete ein rasantes Speed-Dating, bei dem unter der Vorgabe "ein Thema - zwei Gesprächspartner - 5 Minuten Zeit" wichtige Punkte schlaglichtartig beleuchtet wurden.
Auch in diesem Jahr wurde deutlich: jeder Bericht zeichnet sich durch ganz eigene Schwerpunkte aus, so wie jeder und jede Beauftragte sich nach den jeweiligen Fähigkeiten und Neigungen in die Arbeit einbringt. „Durch die verschiedenen Mitarbeitenden mit ihren ganz unterschiedlichen Gaben wird hier ein großes Spektrum der handfesten Nächstenliebe unter die Leute gebracht“, resümiert Barbara Hauschild.

Die Diakonie-Beauftragten berieten auch über neue Ideen zur Fortbildung und Stärkung ehrenamtlich Tätiger in Diakonie und Gemeinden der SELK. Hier wird es im kommenden Jahr konkrete Angebote geben.

Der Reformationsfest-Gottesdienst in der Evangelisch-Lutherischen Augustana-Gemeinde (SELK) in Berlin-Wedding bildete den Abschluss eines anregenden Wochenendes. Nach Feedback-Runde und Mittagessen machten sich die Teilnehmenden auf die Heimwege nach Berlin, Guben, Hessen, Niedersachsen, Süddeutschland und ins Ruhrgebiet. (SN/MB)

Schutz für Konvertiten vor Abschiebung - SELK-Statements auf Pressekonferenz Pfarrer Dr. Martens a

Am Montag, dem 28. Oktober 2019, fand im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin eine Pressekonferenz statt, bei der eine Erhebung zur Situation von 6.516 konvertierten Geflüchteten in Deutschland vorgestellt wurde. Thema war der Schutz für Konvertiten vor Abschiebung in Länder mit Christenverfolgung. Auf dem Podium war neben anderen Pfarrer Dr. Gottfried Martens D.D. (Foto | Archiv) vertreten, der in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Steglitz schwerpunktmäßig unter Geflüchteten arbeitet.

Die repräsentativen Erhebung habe unter anderem ergeben, dass vor dem 1. Juli 2017 67,9 % der geflüchteten Konvertiten einen Schutzstatus erhalten hätten. Seitdem seien es nur noch 36,3 %, berichtet Martens auf der Facebook-Seite seiner Gemeinde: "Dass dahinter wesentlich politische Vorgaben stehen, ist offenkundig." Die Erhebung habe auch gezeigt, dass die Angabe einer Konversion als Asylgrund für die Geflüchteten keinen Vorteil bringe: Schutz für Konvertiten werde fast genauso häufig abgelehnt wie für andere Geflüchtete. Konvertiten ohne Bescheinigung ihres Glaubenswechsels durch eine Kirchengemeinde erhielten häufiger Schutz als Konvertiten mit Bescheinigung. Die negative Haltung der staatlichen Behörden gegenüber den Kirchen und Gemeinden trete offen zu Tage. 242 Konvertiten seien bereits in die Verfolgung abgeschoben worden. Tausende weitere könnten dazukommen. Fast ein Drittel der Entscheidungen der befragten Konvertiten sei noch offen. In mehr als 60 % der Fälle hätten Klagen gegen Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bei Konvertiten Erfolg gehabt. Martens: "Das heißt: In mehr als der Hälfte aller BAMF-Entscheidungen zu konvertierten Geflüchteten haben Gerichte entschieden, dass die BAMF-Entscheidung falsch war. Dies zeigt, wie willkürlich die Entscheidungen im BAMF getroffen werden! Zugleich ist die Diskrepanz zwischen der Entscheidungspraxis der Verwaltungsgerichte riesig: Die Wahrscheinlichkeit, dass einer Klage beim Verwaltungsgericht stattgegeben wird, liegt selbst bei Verwaltungsgerichten in räumlicher Nähe zueinander zwischen 10% und 90%. Der wichtigste Faktor für die Anerkennung der Ernsthaftigkeit einer Konversion ist der Wohnort ..."

Bei der Pressekonferenz habe der frühere Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder deutliche Kritik daran geübt, dass staatliche Einrichtungen Urteile über die Ernsthaftigkeit einer Konversion fällen würden. Dazu hätten sie kein Recht. Nicht umsonst sei die Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer damals abgeschafft worden, weil sie sich als Farce herausgestellt habe. Kauder plädierte dafür, dass die Vorlage einer kirchlichen Bescheinigung für die Erteilung eines Abschiebeverbots bei geflüchteten Konvertiten ausreichen müsse, wenn sie in ein Land abgeschoben werden sollten, in dem offenkundig Christen verfolgt würden.

Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Dr. Reinhardt Schink, habe in seiner Stellungnahme darauf verwiesen, welcher Ressourcen zur Integration sich Deutschland beraube, wenn es die Arbeit der Kirchengemeinden mit Konvertiten nicht würdige, sondern sie de facto bekämpfe und torpediere.

Martens' Gemeinde war auch durch eine weitere Peson vertreten: "Unser Kirchenvorsteher Jakobus, der in unserer Gemeinde auch als Kommunionhelfer tätig ist und auch bereits als Synodaler im Einsatz war, berichtete sehr eindrücklich davon, in was für Ängsten er lebt, dass er trotz seines intensiven kirchlichen Engagements jederzeit aus Deutschland abgeschoben werden kann, weil das BAMF sich nach wie vor weigert, die Ernsthaftigkeit seiner Konversion anzuerkennen. Jakobus wurde vor mehr als 6 Jahren getauft und weiß immer noch nicht, ob er hier in Deutschland bleiben darf."

Martens selbst konnte nach seinem Bericht bei der Pressekonferenz praktische Beispiele zu den von dem Pressesprecher von Open Doors (https://www.opendoors.de), Ado Greve, vorgelegten Zahlen aus seinen täglichen Erfahrungen mit der Entscheidungspraxis des BAMF und der Verwaltungsgerichte ins Gespräch bringen und darauf hinweisen, dass BAMF-Entscheider und Verwaltungsgerichte oft etwas völlig anderes unter christlichem Glauben verstünden als die Kirchengemeinden. Dass der Staat vorgebe, was christlicher Glaube in Wirklichkeit sei, und dabei den Kirchen offen widerspreche, sei absurd. Auf diese Weise könne die Ernsthaftigkeit einer Konversion ganz sicher nicht festgestellt werden.

Zugleich habe er besonders auf die verzweifelte Situation derjenigen konvertierten Geflüchteten hingewiesen, so Martens weiter, deren Klage bereits vom Verwaltungsgericht abgewiesen worden sei. Sein Kirchenvorsteher Jakobus habe an die Medienvertreter appelliert, diesen Umgang des deutschen Staates mit christlichen Konvertiten öffentlich zu thematisieren, damit dieses Unrecht stärker ins allgemeine Bewusstsein gerate. Gemeinsam hätten sich alle Beteiligten der Pressekonferenz hinter die Hauptforderung aus der Erhebung gestellt: "Auf politischer Ebene soll ein bundesweit gültiges Abschiebeverbot für Konvertiten beschlossen werden, sofern folgende Bedingungen erfüllt sind: Die Konvertiten stammen aus islamischen Ländern, in denen eine Konversion eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten würde, und der zuständige Seelsorger einer anerkannten und ordentlich registrierten Religionsgemeinschaft hat in einer aussagekräftigen Bescheinigung seiner Kirchengemeinde die Ernsthaftigkeit ihrer Konversion und die Identitätsprägung durch den christlichen Glauben bescheinigt. In diesen Fällen soll das BAMF angewiesen werden, ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 oder 7 des Aufenthaltsgesetzes festzustellen."

"Es bleibt zu hoffen", so Martens abschließend, "dass die in der Erhebung dargelegten Argumente auch beim Bundesinnenministerium zu einem Nachdenken führen, dass dieser Forderung stattgegeben wird."

Auf Youtube ist ein Ausschnitt von der Pressekonferenz zu sehen.

Die 99-seitige Erhebung kann nachgelesen werden unter: https://www.opendoors.de/hilfe-weltweit/im-fokus/christliche-fluechtlinge-in-deutschland/schutz-fuer-konvertiten-vor-abschiebung-in-laender-mit-christenverfolgung?fbclid=IwAR0EOmJU_GqTVPtj4GcxK8efTIlpjlP7ewrFiS8N8QPtnYjqbA3LOANqgCU (MB/SN)

Zunehmende Zahlen in Berlin-Brandenburg und der Lausitz - SELKSELK-Statistik 2018 weist ansonsten leichten Rückgang aus

Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) hat im vergangenen Jahr um 14 Kirchglieder abgenommen. Das geht aus der offiziellen Statistik für das Jahr 2018 vor, die jetzt im Kirchenbüro der SELK in Hannover zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Sie wird demnächst allen Pfarrämtern der SELK zugehen.

Mit der geringfügigen Abnahme beläuft sich die neue offizielle Kirchgliederzahl der SELK auf 33.349. In 48 von 110 ausgewiesenen Pfarrbezirken konnten eine Zunahme oder ein Gleichstand festgestellt werden, in 62 eine Abnahme. In vier von zehn Kirchenbezirken nahmen die Zahlen im Berichtsjahr zu: Niedersachsen-Ost, Niedersachsen-Süd, Berlin-Brandenburg und Lausitz. Im Zehnjahreszeitraum konnten sechs der zehn Kirchenbezirke ein- oder mehrmalig Zugänge verzeichnen, davon je sieben Mal Berlin-Brandenburg (Gesamtzuwachs im Zehnjahreszeitrum: 933) und Lausitz (113), wobei die steigenden Zahlen im Kirchenbezirk Berlin-Brandenburg wesentlich auf die Arbeit unter Geflüchteten in der Dreieinigkeits-Gemeinde Berlin-Steglitz zurückzuführen sind. Die stärksten Verluste hatten im Zehntjahreszeitraum die Kirchenbezirke Rheinland-Westfalen (- 689) und Hessen-Süd (- 556) zu verzeichnen. Die Gesamtkirche hat im Zehnjahreszeitraum um 1.550 Kirchglieder (4,4 %) abgenommen.

300 Übertritte aus anderen Kirchen oder Eintritte zuvor Kirchloser konnten im Berichtszeitraum konstatiert werden, was im Zehnjahreszeitraum einen Höchstwert darstellt.

Bei den Amtshandlungen wurden 463 Taufen (gegenüber dem Vorjahr: - 87), 216 Konfirmationen (- 43), 85 Trauungen (- 4) und 435 Bestattungen (+ 1) gezählt. (SN/MB)

Dorothea Priegel zum 100. Geburtstag - SELK: Feier für Pfarrerstochter in Berlin-Mitte Gemeinde Mitte ab

Ihren 100. Geburtstag konnte jüngst Dorothea Priegel, ältestes Gemeindeglied der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Berlin-Mitte der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), begehen. Die Jubilarin wurde 1919 in Insterburg (Ostpreußen) als jüngste Tochter von Johannes und Frieda Priegel geboren. Johannes Priegel (1877-1960) war Pfarrer in einer der Vorgängerkirchen der SELK, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen - später: Evangelisch-lutherischen (altlutherischen) Kirche -, im Pfarrbezirk Tilsit - Insterburg - Königsberg, ehe er 1921 in die Parochie Bunzlau - Görlitz - Löwenberg wechselte. In Insterburg wurde Dorothea Priegel getauft, in Görlitz konfirmiert.

Die unverheiratete Dorothea Priegel versorgte nach dem Tod ihrer Mutter ihren Vater. Nach der Emeritierung von Johannes Priegel im Jahr 1957 zogen Vater und Tochter nach Woltersdorf bei Berlin und wurden Glieder der altlutherischen Süd-Gemeinde Berlin-Mitte. In der heute zur SELK gehörenden Gemeinde war Dorothea Priegel aktiv im Kirchenchor und im Blockflötenkreis. Über Jahrzehnte betreute sie den Büchertisch der Gemeinde. Jahrelang hat sie von ihrer Arbeitsstelle, dem Buchladen im Krankenhaus in Woltersdorf, Bücher und Karten für den Büchertisch in die Kirche gebracht. Besonders in den Zeiten der DDR hat sie oft seltene Bücher angeboten.

Dorothea Priegel lebte bis 2018 in Woltersdorf, ehe sie nach Berlin umzog. Auch heute noch wird sie von Gemeindegliedern zur Kirche gebracht oder besucht. Kirche, Singen und das Blockflötenspiel sind bis heute wesentliche Bestandteile ihres Lebens.

Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Berlin-Mitte feierte mit der Jubilarin deren 100. Geburtstag mit einer Andacht in der Kirche und danach im Gemeindesaal mit zahlreichen Gemeindegliedern bei viel Gesang. (SN/MB)

Kommentar - Religionsfreiheit muss immer wieder neu erstritten werden Pfarrer Dr. Martens a

Pfarrer Dr. Gottfried Martens D.D. von der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Steglitz nahm in diesem Sommer in den USA an einer Konferenz zum Thema "Religionsfreiheit" teil . Mit Bezug zu dieser Konferenz beleuchtet er in einem Kommentar für selk_news die relevanten Aspekte des hohen Gutes der Religionsfreiheit.

Was macht ein christlicher Theologe, der zu der Einsicht gelangt ist, dass die Lehre von der Trinität unbiblisch ist? Er flieht ins Herrschaftsgebiet des osmanischen Sultans, in der Hoffnung, dort Religionsfreiheit finden zu können!

Was für uns zunächst absurd klingen mag, ist die Geschichte des Heidelberger Theologen Adam Neuser. Er wirkte dort in Heidelberg kurz nach dem bekannten Augsburger Reichsabschied von 1555, der sowohl denjenigen, die der römisch-katholischen Konfession angehörten, als auch denen, die der Lehre Martin Luthers folgten, Schutz vor der Bedrohung durch die Reichsgewalt versprach. Doch in § 17 dieses Reichsabschieds wurde zugleich klar formuliert: "Doch sollen alle andere, so obgemelten beeden Religionen nicht anhängig, in diesem Frieden nicht gemeynt, sondern gäntzlich ausgeschlossen seyn." Religionsfreiheit für Unitarier - daran war im 16. Jahrhundert nicht zu denken. So wandte sich Adam Neuser nach seiner Abwendung von der Lehre an die Trinität in einem Brief an den osmanischen Sultan Selim II., und bat ihn darin um Schutz. Als der Brief bekannt wurde, musste Neuser schnell fliehen; überall wurde im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation nach ihm gefahndet. Doch Neuser gelang es schließlich, bis nach Istanbul zu kommen. Im Osmanischen Reich ließ er sich beschneiden und konvertierte zum Islam, um so seiner Auslieferung zu entgehen. 1576 starb er als Mustafa Beg in Istanbul.

Wenn es heutzutage gerade christliche Kirchen und Gruppen sind, die Religionsfreiheit als ihr besonderes Anliegen einfordern, dann muss man bedenken, dass dieses Interesse wesentlich einer neuen Situation geschuldet ist, in der Christen in vielen Ländern dieser Erde zu einer verfolgten Minderheit geworden sind. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war an Religionsfreiheit in Preußen nicht zu denken, wie das Geschick der Väter und Mütter der altlutherischen Kirche belegt - und dies trotz der gewiss eher den Gedanken der Aufklärung als seiner christlichen Prägung geschuldeten religiösen Toleranz, die Friedrich II. hundert Jahre zuvor bereits proklamiert und auch praktiziert hatte.

Religionsfreiheit - sie setzt den konsequenten Verzicht von Religionsgemeinschaften voraus, den Staat zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen zu instrumentalisieren, auch und gerade was die Einschränkung der Praktizierung des Glaubens anderer Konfessionen oder Religionen in diesem Staat durch einzelne oder durch Religionsgemeinschaften betrifft oder aber auch das Recht, jegliche Art von Religion abzulehnen.

Während der lutherischen Kirche mit der Lehre der beiden Regierweisen Gottes grundsätzlich zumindest theoretisch schon lange ein theologisches Instrumentarium zur Begründung der Gewährung von Religionsfreiheit zur Verfügung stand, vollzog beispielsweise die römisch-katholische Kirche erst im Zweiten Vatikanischen Konzil eine grundlegende Kehrtwende in der Frage der Religionsfreiheit, indem sie in der Erklärung über die Religionsfreiheit vom 7. Dezember 1965 die Religionsfreiheit in der bürgerlichen Staatsordnung anerkannte, nachdem Papst Pius IX. hundert Jahre zuvor noch eben diese Religionsfreiheit in einer Enzyklika als Irrtum verworfen hatte.

Man sollte ehrlich zugeben, dass historisch gesehen der Gedanke der Religionsfreiheit seine Wurzeln eher in der Aufklärung als im christlichen Glauben hat, auch wenn sich die Kirchen in der Folgezeit darum gemüht haben, diesen Gedanken auch aus der christlichen Tradition heraus zu begründen.

Die Vereinten Nationen zählen die Religionsfreiheit zu den grundlegenden Menschenrechten. In Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO heißt es: "Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden."

Was Religionsfreiheit bedeutet und impliziert, wurde den mehr als 1.000 Teilnehmenden des "Ministerial to Advance Religious Freedom", das am 16. und 17. Juli 2019 in Washington stattfand, sehr eindrücklich deutlich. Einsatz für Religionsfreiheit bedeutet nämlich weit mehr als einfach nur Lobbypolitik für die eigene Religionsgemeinschaft. Sie setzt die Bereitschaft voraus, sich für die Religionsfreiheit auch im eigenen Land einzusetzen - und zwar gerade für Religionsgemeinschaften, denen man selber nicht angehört.

Damit begeben sich Christen - und nicht nur sie - in eine durchaus nicht einfach zu lösende Spannung: Christen halten zum einen an ihrer Grundüberzeugung fest, dass es nicht verschiedene Wege zu Gott gibt, sondern Christus der einzige Weg zu Gott ist und bleibt. Und dennoch verteidigen sie das Recht zur Religionsausübung derer, die einen Glauben vertreten, der aus christlicher Sicht als Irrweg bezeichnet werden muss. Ja, sie verteidigen auch das Recht darauf, als Atheist leben und den Atheismus verbreiten zu können. Es gehörte mit zu den Stärken des oben genannten "Ministerial", dass man in ihm in keiner Weise auf eine "Religionsmengerei" abzielte und den jeweils eigenen Wahrheitsanspruch der einzelnen Religionen nicht relativierte. Dies ist ja ein Weg, der im interreligiösen Dialog hier in Europa immer wieder einmal gegangen wird - zum Teil sogar mit staatlicher Förderung und Unterstützung. Doch das "Ministerial" ließ die oben beschriebene Spannung und die damit verbundene Zumutung bewusst bestehen und belegte die Möglichkeit, diese Spannung auszuhalten, ja fruchtbar zu praktizieren, mit vielen praktischen Beispielen aus zahlreichen Ländern. Dazu zählten sehr glaubwürdige Berichte über den Einsatz von Muslimen, ja gerade auch muslimischen Geistlichen für die Religionsfreiheit in ihren Ländern, und zwar durchaus auch dort, wo der Islam selber die Mehrheitsreligion bildet.

Wenn Christen also in allen Ländern dieser Welt - mit Recht! - Religionsfreiheit einfordern, dann bedeutet es auch, dass sie sich beispielsweise hier in Deutschland für das Recht von Muslimen einsetzen, ihren Glauben in unserem Land zu praktizieren. Zu den bewegenden Geschichten, die in Washington vorgetragen wurden, gehörte zweifellos die Geschichte eines muslimischen Geistlichen, der in Nigeria mehr als 200 Christen in seine Moschee aufnahm, die vor einem Angriff der islamistischen Boko Haram zu ihm geflohen waren. Dieser Geistliche bot den Boko Haram sogar sein eigenes Leben im Austausch zur Verschonung der Christen an, die in seiner Moschee Schutz gesucht hatten. Würden wir eine Gruppe von Muslimen zu ihrem Schutz in unsere Kirche aufnehmen, wenn sie beispielsweise in unserem Land von einem braunen Mob bedroht und verfolgt würden? In Washington wurden auch Beispiele genannt, wie Muslime ihre Moschee Christen für Gottesdienste zur Verfügung gestellt hatten, nachdem deren Gotteshaus niedergebrannt worden war - und eben auch umgekehrt. Ich gestehe, dass ich da persönlich an eine Grenze stoße und mir auch nach dem "Ministerial" nicht vorstellen kann, unsere Kirche für ein muslimisches Gebet zur Verfügung zu stellen. Doch aufgerüttelt hat mich die Einsicht allemal, dass wir den Einsatz für Religionsfreiheit grundlegend missverstehen, wenn wir ihn nur auf den weltweiten Einsatz für verfolgte Christen beschränken. Schon allein das Gleichnis Jesu von dem religionsübergreifenden Einsatz eines Samariters zugunsten eines Juden sollte uns hier zu denken geben.

Gewiss, auf dem "Ministerial" wurde auch das Problem angesprochen, wie Staaten damit umgehen sollen, wenn Vertreter von Religionen grundlegende Werte, die für das Zusammenleben eines Staates von entscheidender Bedeutung sind, in Frage stellen. Fällt der Aufruf zum Krieg gegen die Ungläubigen in einer Moschee noch unter die Religionsfreiheit? Oder muss hier der Staat einschreiten und damit der Religionsfreiheit Grenzen setzen? Und wenn wir dies bejahen, wie argumentieren wir dann gegenüber den muslimischen Regierungen, die in den christlichen Hausgemeinden in ihren Ländern eine Bedrohung ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens sehen? Gibt es gemeinsame Werte über Religionsgrenzen hinweg, die als Maßstab für die Begrenzung der Einforderung von Religionsfreiheit dienen können? Wie unterschiedlich hier Entscheidungen auch in Ländern mit ähnlicher Gesellschaftsordnung fallen können, wurde in Washington deutlich, wenn sich dort im Rahmenprogramm des "Ministerial" immer wieder auch die Scientology-Organisation als Verteidigerin der Religionsfreiheit einbrachte. Klar sollte allerdings auch sein, dass sich beispielsweise viele Pegida-Parolen gewiss kaum mit dem Artikel 18 der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen vereinbaren lassen.

Deutlich wurde beim "Ministerial" in Washington, dass die Freiheit zum Religionswechsel, mit der sich auch gemäßigte Vertreter des Islam oftmals sehr schwertun, der Lackmustest für echte Religionsfreiheit in einem Land ist und bleibt. Umso sensibler sollten wir darauf reagieren, wie in unserem eigenen Land, in Deutschland, mit christlichen Konvertiten umgegangen wird. Wenn deutsche Behörden und Gerichte in ihren Entscheidungen immer wieder behaupten, es sei christlichen Konvertiten, denen ihre Kirchengemeinde die Ernsthaftigkeit ihrer Konversion bescheinigt hatte, nichtsdestoweniger zuzumuten, in ihrem Heimatland ihren christlichen Glauben zu verleugnen und zu verheimlichen, dann stellt dies eine eklatante Verletzung der Religionsfreiheit auch in unserem eigenen Land dar. Die weltanschauliche Neutralität eines Staates bedeutet eben nicht, dass die religiöse Indifferenz derer, die in seinem Auftrag tätig sind, zum Maßstab für die religiöse Praxis anderer werden darf. Hier befinden wir uns in Deutschland und in anderen Ländern Europas auf einem sehr gefährlichen Weg. Leider ist die Gefahr offenkundig, dass Europa für diese Verletzungen der Religionsfreiheit innerhalb der EU vollkommen blind ist. Dies wird schon an dem Titel des Sonderbeauftragten der EU für Religionsfreiheit, Dr. Jan Figel, deutlich, der offiziell lautet: "Sonderbeauftragter der EU für Religionsfreiheit außerhalb der Union". Wenn man sich die Praxis der Behörden und Gerichte in verschiedenen Ländern Europas im Umgang mit zum christlichen Glauben konvertierten Asylsuchenden anschaut, dann wird es höchste Zeit, auch einen Sonderbeauftragten der EU für Religionsfreiheit innerhalb der Union zu benennen. Religionsfreiheit darf niemals zu einem bloßen Schlagwort oder zu einer scheinbaren Selbstverständlichkeit degenerieren. Sie muss immer wieder neu erstritten werden - auch und gerade in scheinbar säkularen Staaten, die ihre eigenen religiösen Voraussetzungen überhaupt nicht mehr reflektieren. Es wird entscheidend wichtig sein, dass gerade die christlichen Kirchen in diesem Kampf um Religionsfreiheit glaubwürdig vorangehen.

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